Vorlesedauer: ca. 5 minÜber dem kleinen Hafen lag der Sommerabend wie eine warme, goldene Decke. Die Sonne tauchte die Wellen in orangefarbenes Licht, und ein sanfter Wind trug Salzgeruch und das Klappern der Segelboote über die Promenade. Möwe Erwin saß auf seinem Strandkorb und ließ sich die letzten warmen Strahlen ins Gefieder scheinen.
Irgendwo mischte sich in den vertrauten Hafenduft plötzlich etwas Neues, Süßes. Erwin schnupperte neugierig in die Luft, konnte den Geruch aber nicht einordnen. Da watschelte eine Krabbe vorbei und blieb direkt neben seinem Strandkorb stehen.
„Hast du schon gehört, Erwin?“, sagte sie aufgeregt und wedelte mit ihren Scheren. „An der Promenade hat heute eine neue Eisdiele aufgemacht. Ganz frisches Eis, direkt aus der Waffel, in allen erdenklichen Farben.“
Erwins Augen leuchteten sofort auf. Eis kannte er nur vom Hörensagen, gekostet hatte er es noch nie in seinem Leben. „Das muss ich sofort probieren“, rief er und breitete seine Flügel aus.
Er flog los, tief über die Dächer der Strandhütten, bis er die kleine Eisdiele entdeckte. Ein bunter Sonnenschirm warb dort für Kugeln in allen Farben, und davor zog sich eine Schlange fast bis zum Leuchtturm. Kinder leckten sich schon im Voraus die Lippen, Hunde hechelten in der Wärme, und ein alter Fischer wartete geduldig mit verschränkten Armen.
Frau Sommer stand hinter dem Tresen und drückte eine Kugel nach der anderen in knusprige Waffeln.
Erwin seufzte. So lange wollte er nicht warten, denn der süße Duft machte ihn ganz ungeduldig. Er kreiste ein paarmal über der Schlange und beobachtete genau, wie Frau Sommer ein fertiges Eis auf den Tresen stellte, um die nächste Waffel zu holen.

Blitzschnell setzte er zum Sturzflug an. Mit einem gewitzten Schwenk sauste er knapp über die Köpfe der Wartenden hinweg, schnappte sich das Eis vom Tresen und stieg sofort wieder in die Luft. Ein empörtes Raunen ging durch die Schlange, und auch Frau Sommer rief ihm erschrocken hinterher.
„Tut mir leid“, rief Erwin von oben zurück, „ich mach das wieder gut, versprochen!“ Mit dem Eis fest im Schnabel drehte er ab und flog geradewegs in Richtung seines Strandkorbs. Sein Herz klopfte vor Aufregung, denn gleich würde er endlich probieren, wonach es die ganze Zeit so verlockend geduftet hatte.
Doch je schneller er flog, desto wackliger saß die Kugel in der Waffel. Kurz vor dem Strandkorb geriet sie ins Rutschen, kippte zur Seite und fiel hinunter auf die warmen Steine der Promenade. Erwin blieb vor Schreck fast mitten in der Luft stehen.
Sofort drehte er bei, um seine Kugel Eis zu retten, bevor sie in der Abendwärme zerlief. Doch da watschelte eine Ente aus dem Wasser heran, viel flinker, als Erwin es ihr zugetraut hätte. Mit ein paar hastigen Schritten erreichte sie die Kugel und schnappte sie sich, noch bevor Erwins Flügel den Boden berührten.
Genüsslich schmatzend verspeiste die Ente das Eis, Tropfen für Tropfen, während Erwin von oben zusah. Für einen Moment sackten ihm die Flügel enttäuscht herab, denn er hatte sich so sehr auf die erste Kugel Eis seines Lebens gefreut. Die Ente blickte zu ihm hoch und schnatterte zufrieden, als wolle sie sich artig bedanken.
Erwin ließ sich neben ihr auf der noch warmen Promenade nieder und sah zu, wie sie sich die letzten Reste vom Schnabel wischte. Er dachte an die lange Schlange, an Frau Sommer und daran, wie er sich das Eis einfach genommen hatte, ohne zu fragen. Langsam breitete sich ein kleines Schmunzeln auf seinem Gesicht aus.
„Ist schon in Ordnung“, sagte er leise, mehr zu sich selbst als zur Ente. „Das Eis gehörte ja eigentlich gar nicht mir.“ Die Ente schnatterte noch einmal fröhlich, watschelte zufrieden zurück ins Wasser und verschwand mit ein paar Schwimmzügen in der Abenddämmerung.
Erwin blieb sitzen und schaute ihr nach, während die Sonne immer tiefer hinter dem Leuchtturm versank. Über dem Wasser blinkten die ersten Sterne auf, und irgendwo am Ufer begannen die Glühwürmchen leise zu glimmen. Der Wind roch nun nach Abendtau, und zum ersten Mal an diesem Abend fühlte sich Erwin ganz ruhig und zufrieden.
Er kuschelte sich tief in seinen Strandkorb, faltete die Flügel und schloss die Augen. Morgen, dachte er schläfrig, würde er sich ganz brav in die Schlange stellen und geduldig auf sein eigenes Eis warten. Mit diesem Gedanken und dem sanften Rauschen der Wellen im Ohr schlief Möwe Erwin friedlich ein.
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