Vorlesedauer: ca. 5 minEs war ein kalter Januarmorgen an der Küste. Der Wind blies heftig vom Meer heran, und feine Schneeflocken wirbelten durch die Luft. Brieftaube Betty saß auf dem Giebel eines kleinen Hauses und zitterte ein wenig, während sie in die graue Ferne blickte.
Der Winter war nicht gerade ihre Lieblingsjahreszeit. Aber Betty war nicht irgendwer. Sie war die zuverlässigste Brieftaube am ganzen Nordufer. Auch wenn ihre Federn klamm waren und der Wind an ihren Flügeln zerrte, wartete sie tapfer auf ihren nächsten Auftrag.
Unten am Fuß des Leuchtturms schritt Hannes, der alte Leuchtturmwärter, langsam durch den Schnee. Er trug einen dicken Mantel und eine rote Wollmütze. In seinen Händen hielt er einen kleinen Umschlag, den er sorgsam versiegelt hatte.
„Betty! Da bist du ja!“, rief er und hob den Arm. Betty flatterte herunter und landete sanft auf seiner Schulter. Hannes streichelte ihr liebevoll über den Kopf und befestigte den Brief an ihrem Fuß.
„Dieser Brief ist wichtig, Betty. Er muss heute noch beim kleinen Emil ankommen. Du erinnerst dich doch an ihn, oder? Der Junge vom roten Bauernhof hinter dem Kiefernwald.“ Betty gurrte zustimmend. Natürlich erinnerte sie sich an Emil. Ein neugieriger Junge mit Sommersprossen, der ihr im Herbst einmal ein paar Sonnenblumenkerne geschenkt hatte.
„Er soll wissen, dass er eingeladen ist. Ohne ihn ist das Winterfest nicht komplett.“ Hannes klopfte ihr sanft auf den Rücken. „Aber sei vorsichtig, der Wetterbericht hat einen Schneesturm angekündigt.“
Betty spreizte die Flügel und hob sich mit kräftigen Schlägen in die Luft. Der kalte Wind blies ihr sofort entgegen, aber sie hatte einen klaren Auftrag. Sie flog über das weiß gepuderte Wattenmeer, das sich still unter einer dicken Eisschicht ausbreitete.

Nach einer halben Stunde Flugzeit wurde der Himmel dunkler. Dichte Schneeflocken fielen vom Himmel und Betty verlor allmählich die Orientierung. Sie konnte kaum noch die Bäume unter sich erkennen und ihre Flügel wurden immer schwerer.
Mit letzter Kraft steuerte sie auf einen kahlen Baum am Waldrand zu. Dort landete sie erschöpft auf einem knorrigen Ast. Alles war still. Nur der Wind rauschte in den Zweigen.
„Na, was machst du denn hier bei diesem Wetter?“ Eine tiefe Stimme ließ Betty erschrocken zusammenzucken. Es war ein alter Uhu, der auf dem Nachbarast saß. Sein Gefieder war grau wie der Himmel, und seine gelben Augen blitzten neugierig.
„Ich… ich bringe einen Brief zu einem Jungen namens Emil. Aber der Sturm hat mich aufgehalten.“ Bettys Stimme war kaum hörbar. Der Uhu nickte bedächtig.
„Wichtige Dinge brauchen manchmal Zeit. Ruh dich aus. Der Sturm wird nicht ewig dauern.“ Er rückte ein wenig zur Seite und schüttelte den Schnee von seinem Gefieder. „Hier oben hast du wenigstens etwas Schutz.“
Die Nacht kam schnell, und Betty kuschelte sich eng an den Ast. Der Wind tobte, aber der Uhu war eine beruhigende Gesellschaft. Irgendwann fielen Betty die Augen zu.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, war der Himmel klar. Die Sonne brach durch die Wolken und glitzerte auf der Schneedecke. Der Uhu streckte sich und blinzelte in die Helligkeit.
„Jetzt oder nie“, sagte er mit einem Lächeln. Betty nickte dankbar und breitete die Flügel aus. Frisch gestärkt nahm sie wieder Kurs auf den Bauernhof.
Schließlich erreichte sie den roten Hof. Alles war still. Nur aus dem Schornstein stieg etwas Rauch. Betty landete auf dem Fensterbrett und klopfte mit dem Schnabel gegen die Scheibe.
Ein paar Augenblicke später erschien Emil am Fenster. Als er die kleine Taube sah, strahlte er über das ganze Gesicht. Er öffnete das Fenster, und Betty streckte ihm das Bein mit dem Brief entgegen.
„Ein Brief! Für mich?“ Emil löste vorsichtig das Band und öffnete den Umschlag. Seine Augen wurden groß. „Ich bin eingeladen! Zum Winterfest beim Leuchtturm!“
Er drehte sich zu seiner Mutter um. „Mama! Ich bin eingeladen! Hannes hat geschrieben!“ Betty spürte, wie ihr Herz ein kleines bisschen wärmer wurde. Sie gurrte leise und bekam von Emil ein paar Sonnenblumenkerne in ein Schälchen gelegt.
Am Abend flog sie wieder zurück zum Leuchtturm. Der Himmel war nun sternenklar, und das Licht von Hannes‘ Leuchte war schon von weitem zu sehen. Als sie auf dem Geländer landete, wartete er bereits mit einer kleinen Schale warmen Hafers.
„Willkommen zurück, meine Kleine. Ich wusste, dass du es schaffst.“ Betty gurrte zufrieden, pickte ein paar Häferflocken und sah hoch zu den Sternen.
Manchmal war der Winter gar nicht so schlimm.
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