
In einem kleinen Dorf, umgeben von Feldern und Hügeln, lebten ein Vater und sein Sohn. Sie hatten nur ein einziges Tier: einen grauen Esel. Der Esel war nicht besonders stark, aber brav und geduldig.
Eines Tages sagte der Vater: „Komm, wir gehen in die Stadt und verkaufen den Esel. Dann können wir neue Werkzeuge und etwas Mehl kaufen.“ Der Sohn nickte. „Gut, Vater. Wie wollen wir gehen? Soll der Esel etwas tragen?“
Der Vater dachte kurz nach. „Du bist noch jung“, meinte er. „Ich setze mich auf den Esel, und du gehst zu Fuß. Deine Beine sind kräftig.“
So gingen sie los. Der Vater ritt auf dem Esel, der Sohn lief nebenher und hielt die Zügel. Die Sonne schien, und der Weg war staubig.
Nach einer Weile kamen sie an einer Gruppe von Leuten vorbei. Eine Frau schüttelte den Kopf. „Schaut euch das an!“, rief sie. „Was für ein herzloser Vater! Er sitzt bequem auf dem Esel, und sein armes Kind muss zu Fuß laufen.“
Ein Mann nickte zustimmend. „Wie kann ein Vater so faul sein?“, sagte er. „Er sollte sich schämen.“
Der Vater hörte das und wurde rot. Als sie außer Hörweite waren, seufzte er. „Sie haben recht, oder?“, fragte er unsicher. Der Sohn sah ihn an. „Vielleicht…“, antwortete er vorsichtig.
Der Vater rutschte vom Esel. „Setz du dich drauf“, sagte er. „Ich gehe zu Fuß. So ist es bestimmt besser.“
Nun ritt der Sohn auf dem Esel, und der Vater lief nebenher. Sie gingen ein Stück weiter, bis sie an ein Feld kamen, auf dem Bauern arbeiteten.
Die Bauern beobachteten die drei. Einer rief: „So eine Frechheit! Der junge Bursche sitzt oben, und sein alter Vater schleppt sich zu Fuß den Weg entlang!“ Ein anderer fügte hinzu: „Was für ein ungezogener Sohn. In meiner Familie würde so etwas nicht passieren.“
Der Sohn blickte beschämt zu Boden. „Vater“, sagte er leise, „jetzt schimpfen sie mit mir. Das ist auch nicht gut.“
Der Vater blieb stehen. „Dann machen wir es anders“, entschied er. „Wir setzen uns beide auf den Esel. So wird niemand mehr meckern.“
Sie kletterten beide auf den Rücken des Esels. Der Esel schnaufte, aber er trottete tapfer weiter. Der Weg wurde steiniger, und der Esel musste sich anstrengen.
Bald kamen sie an einige Leute aus der Stadt. Diese blieben stehen und starrten sie an.
„Habt ihr das gesehen?“, rief eine Frau empört. „Die zwei setzen sich einfach beide auf das arme Tier.
Das ist ja Tierquälerei!“
Ein Mann schüttelte den Kopf. „Kein Respekt vor Tieren“, schimpfte er. „Sie werden den Esel noch kaputt machen.“
Der Vater und der Sohn sahen sich an. „Jetzt passt es ihnen auch nicht“, murmelte der Sohn. Der Vater strich dem Esel über den Hals. „Vielleicht haben sie recht. Er schnauft schon sehr.“
Sie stiegen ab. „Gut“, sagte der Vater. „Dann reitet heute niemand. Wir schonen unseren Esel, und wir laufen einfach neben ihm her.“
So gingen die drei weiter: Der Esel in der Mitte, Vater und Sohn rechts und links neben ihm. Sie schwitzten, denn die Sonne stand nun hoch am Himmel.
Nach einiger Zeit kamen sie an eine weitere Gruppe von Leuten. Diesmal waren es Händler und ein paar neugierige Kinder.
Einer der Händler zeigte lachend mit dem Finger auf sie. „Seht euch das an!“, rief er spöttisch. „Die haben einen gesunden Esel – und laufen selbst zu Fuß. Wer ist denn hier das Nutztier, wenn der Esel nichts trägt?“
Die Kinder kicherten. „Stimmt, die zwei sehen aus wie Diener für ihren eigenen Esel!“, rief eines.
Der Sohn wurde knallrot im Gesicht. „Vater, jetzt machen sie sich schon wieder lustig über uns“, flüsterte er. „Erst warst du herzlos, dann war ich frech, dann waren wir Tierquäler – und jetzt sind wir dumm. Was sollen wir denn noch machen?“
Der Vater blieb stehen. Er sah den Esel an, dann seinen Sohn und schließlich die Leute, die noch immer grinsten. Dann atmete er tief durch.
„Weißt du was“, sagte er ruhig, „wir machen jetzt gar nichts mehr anders. Sie werden sowieso reden – egal, wie wir es machen.“
Der Sohn schaute ihn überrascht an. „Also bleiben wir einfach so?“, fragte er.
Der Vater nickte. „Ja. Wir kennen unseren Weg, unseren Esel und unsere Gründe. Die anderen kennen nur ihre Meinung.“
Sie gingen weiter. Der Esel trottete zufrieden zwischen ihnen her. Niemand ritt, niemand trug ihn, und doch kamen sie voran.
In der Stadt angekommen, verkauften sie den Esel auf dem Markt. Der Preis war fair, und der Käufer schien freundlich.
Auf dem Rückweg, nun mit einem Sack Mehl und ein paar neuen Werkzeugen, sagte der Sohn: „Heute waren wir herzlos, faul, frech, gemein zu Tieren und dumm – alles an einem Tag. Und dabei haben wir doch nur versucht, alles richtig zu machen.“
Der Vater lächelte müde. „Genau das ist die Lektion“, erklärte er. „Du kannst es niemals allen recht machen. Wichtiger ist, dass du am Ende des Tages sagen kannst: Ich habe nach bestem Wissen und mit gutem Herzen gehandelt.“
Der Sohn nickte nachdenklich. „Beim nächsten Mal höre ich zu“, sagte er, „aber ich denke auch selbst nach, bevor ich alles ändere.“
Und so kehrten Vater und Sohn ohne Esel, aber mit einer wichtigen Erfahrung ins Dorf zurück.
Hinweis: Diese Geschichte basiert auf Äsops Fabel, die um 600 vor Christus geschrieben wurde. Sie wurde durch uns modernisiert und illustriert.
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