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Kommissar Walter und die Spur im Gras

Kommissar Walter und die Spur im Gras
Zusammenfassung:
Vorlesedauer Icon Vorlesedauer: ca. 10 min
Im Garten von Frau Blumenthal taucht nach dem Rasenmähen eine seltsame Spur auf. Kommissar Walter nimmt die Ermittlungen auf und entdeckt, dass ein verdächtiger Hinweis manchmal eine ganz harmlose Erklärung hat.

Dackel Walter lag ausgestreckt auf der warmen Holzbank im Garten und ließ sich die Sonne auf sein struppiges Fell scheinen. Sein Herrchen hatte am Vormittag den Rasen gemäht, und überall roch es nach frisch geschnittenem Gras.

Walter mochte diesen Geruch. Er roch nach Sommer, nach offenen Terrassentüren und nach der Möglichkeit, dass am Abend vielleicht irgendwo gegrillt wurde.

Sein Herrchen stand zufrieden am Gartenzaun und betrachtete sein Werk. „So ordentlich sah der Rasen lange nicht mehr aus“, sagte er und klopfte sich die Hände an der Hose ab.

Walter hob nur kurz den Kopf. „Ordentlich ist gut“, dachte er. „Aber ein bisschen langweilig sieht es schon aus.“

Gerade wollte er wieder eindösen, da hörte er auf der anderen Seite der Hecke eine aufgeregte Stimme. Es war Frau Blumenthal, die scheinbar mit jemandem telefonierte.

„Nein, nein, das war gestern Abend noch nicht da!“, rief sie. „Mitten durch den ganzen Rasen! Wie eine richtige Spur!“

Walter war sofort hellwach. Eine Spur war schließlich nichts, was ein Kommissar einfach überhören konnte.

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Er sprang von der Bank, lief zur Hecke und suchte die schmale Stelle, an der er manchmal in Frau Blumenthals Garten hinübersehen konnte. Die Blätter waren im Sommer besonders dicht, doch Walter kannte jede einzelne Lücke.

Auf der anderen Seite stand Frau Blumenthal mit ihrer Gartenschere in der Hand. Vor ihr lag der frisch gemähte Rasen, und quer darüber zog sich eine schmale, plattgedrückte Linie.

Walter kniff die Augen zusammen. Die Spur begann am Beet mit den Pfingstrosen, führte an einem kleinen Buchsbaum vorbei und verschwand unter der alten Gartenbank.

„Das sieht verdächtig aus“, dachte Walter. „Sehr verdächtig sogar.“

Frau Blumenthal ging langsam neben der Spur her. „Vielleicht war es der neue Gärtner“, murmelte sie. „Oder jemand hat nachts etwas durch meinen Garten gezogen. Aber was?“

Walter sah angestrengt zur Gartenbank hinüber. Unter ihr war es dunkel und schattig und irgendetwas kam ihm sonderbar vor.

Doch ausgerechnet in diesem Moment wurde er von seinem Herrchen gerufen. „Walter, komm! Wir gehen eine kleine Runde!“

Walter seufzte. Immer dann, wenn ein Fall begann, wollten die Menschen plötzlich mit ihm spazieren gehen.

Beim Spaziergang konnte er kaum an etwas anderes denken. Unzählige Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Er war sogar so abgelenkt, dass er nicht einmal die provokante Katze am Ende der Straße bemerkte. „Wer schlich nachts durch Frau Blumenthals Garten und hinterließ eine so auffällige Spur im frisch gemähten Gras?“, grübelte der Kommissar. 

Wieder zu Hause angekommen, legte Walter sich nicht wie sonst in sein Körbchen. Stattdessen setzte er sich ans Küchenfenster und beobachtete aufmerksam den Nachbargarten.

Am Nachmittag kam tatsächlich der Gärtner von Frau Blumenthal. Er trug einen Strohhut, eine grüne Schürze und schob eine Schubkarre vor sich her.

„Aha“, dachte Walter. „Der erste Verdächtige erscheint am Tatort.“ Jetzt beobachtete der Dackel jeden Handgriff ganz genau und ließ ihn keinen Moment aus den Augen. 

Der Gärtner schnitt ein paar trockene Zweige ab, goss die Rosen und zupfte Unkraut aus dem Beet. Dabei trat er vorsichtig um die Spur herum, als hätte er sie noch nie gesehen.

Walter runzelte die Stirn. „Entweder ist er unschuldig“, dachte er, „oder er ist sehr geschickt und vertuscht absichtlich, was er eine Nacht zuvor angerichtet hat.“

Als der Gärtner nach vollendeter Arbeit den Garten von Frau Blumenthal verlassen hatte, schlich Walter wieder zur Hecke. Mit Mühe quetschte er seine Schnauze durch das kleine Loch und schnupperte so kräftig, dass ein paar Grashalme in seiner Nase kitzelten.

„Haaatschiiiii!“ Walter nieste laut.

Auf der anderen Seite miaute jemand beleidigt. Die Katze von Frau Blumenthal saß auf der Gartenmauer und sah ihn mit schmalen Augen an.

„Was machst du denn da?“, fragte Walter so würdevoll, wie man mit einer Nase voller Gras eben fragen konnte.

Die Katze leckte sich gelassen die Pfote. „Ich sitze hier. Das sieht man doch.“

Walter räusperte sich. „Hast du in der Nacht etwas Verdächtiges bemerkt? Jemanden mit einer Kiste? Einen heimlichen Rasentreter? Einen Spurenzieher?“

Die Katze blinzelte. „Ich schlafe nachts nicht einfach so wie ein Hund.“

„Das war nicht meine Frage“, sagte Walter.

„Ich habe ein Rascheln gehört“, antwortete die Katze schließlich. „Aber es kam nicht von einem Menschen.“

Walter spitzte die Ohren. „Von wem dann?“

Die Katze sprang von der Mauer und verschwand zwischen den Hortensien. „Finde es doch selbst heraus, Herr Kommissar“, sagte die Katze schnippisch und drehte sich schnurstracks um. 

Walter sah noch, wie sie in Frau Blumenthals Beet verschwand und sich dann in den lila Blütenstängeln der Katzenminze zu wälzen begann. „Die darf sich ganz schön was rausnehmen“, fand Walter und überlegte, was sein Herrchen wohl zu so einem Verhalten sagen würde. 

„Konzentration! Der Fall muss weiter ermittelt werden“ ermahnte er sich.  „Katzen geben schließlich selten ordentliche Aussagen zu Protokoll.“

Am Abend saß Walters Herrchen auf der Terrasse und hatte einen dicken Roman auf dem Schoß. Zum Abendessen gab es Brot, Käse und ein paar kleine Würstchen, von denen immer mal ein kleiner Rest auf dem Boden landete. 

Walter blieb trotzdem wachsam. Er legte den Kopf auf die Pfoten und stellte sich schlafend, während er angespannt mit einem Auge zur Hecke schielte.

Als es dunkel wurde, duftete die Luft nach warmem Gras und Sommerregen, obwohl nur ein paar Tropfen gefallen waren. In den Büschen zirpten Grillen, und irgendwo klapperte eine Gartenpforte im Wind.

Walter wartete.

Irgendwann gingen die Menschen ins Haus. Die Lichter hinter den Fenstern wurden gelöscht, und im Garten wurde es langsam richtig still.

Nun war die Zeit für Kommissar Walter gekommen.

Leise tappte er zur Terrassentür, die wegen der warmen Nacht nur angelehnt war. Mit der Schnauze schob er sie vorsichtig auf und schlüpfte hinaus.

Der Mond stand hell über den Dächern. Walter lief zur Hecke und drückte sich durch das kleine Loch, das ihm tagsüber immer etwas zu eng erschien.

Auf Frau Blumenthals Rasen blieb er stehen. Vor ihm lag die Spur wie ein dunkles Band im silbrigen Mondlicht.

Da hörte er es.

Rascheln.

Dann ein leises Schmatzen.

Walter duckte sich und pirschte an der Spur entlang. Sie führte tatsächlich unter die alte Gartenbank.

„Jetzt habe ich dich“, flüsterte Walter.

Er steckte den Kopf unter die Bank und sah zwei kleine glänzende Augen. Dann noch zwei. Und dahinter noch einmal zwei.

Walter erschrak so sehr, dass er rückwärts in einen Blumentopf stolperte. Der Topf kippte um, und ein leises Poltern ging durch den Garten.

Unter der Bank bewegte sich etwas. Ein Igel kam hervor, langsam, rund und mit einer Nase voller Erde.

Hinter ihm trippelten drei kleine Igelkinder. Sie liefen hintereinander durch das Gras und drückten dabei genau die schmale Linie platt, die Walter den ganzen Tag beschäftigt hatte.

„Ach du meine Güte“, sagte Walter. „Ihr seid Verursacher dieser Spur?“

Der große Igel sah ihn fragend an. „Welche Spur?“ „Wir gehen jede Nacht diesen Weg. Vom Beet zur Bank und weiter zur Wasserschale am Schuppen.“

Walter schaute zur Spur hinüber. „Aber Frau Blumenthal denkt, jemand hätte eine schwere Kiste über ihr Grundstück gezogen.“

Eines der Igelkinder schnupperte an Walters Pfote. Walter hielt ganz still.

„Ihr habt also nichts gestohlen? Keine Kiste gezogen? Keinen geheimen Tunnel gebaut?“

Der Igel blinzelte verwundert. „Nein. Wir haben nur Durst.“

Walter fühlte sich plötzlich ein wenig verlegen. Er hatte an Gärtner, Diebe und heimliche Nachtgestalten gedacht, aber nicht an eine kleine Igelfamilie.

In diesem Moment wurde im Haus von Frau Blumenthal ein Licht angeknipst. Die Terrassentür öffnete sich, und Frau Blumenthal trat im Morgenmantel hinaus.

„Walter?“, rief sie erstaunt. „Was machst du denn mitten in der Nacht in meinem Garten?“

Walter setzte sich sofort kerzengerade hin. Ein Kommissar musste schließlich in wichtigen Momenten Haltung bewahren.

Frau Blumenthal kam näher und entdeckte die Igel unter der Bank. Einen Augenblick lang sagte sie gar nichts.

Dann lächelte sie. „Ach, ihr kleinen Gäste seid also für die Spur verantwortlich.“

Der große Igel rollte sich vorsichtshalber ein wenig zusammen, doch Frau Blumenthal sprach ganz leise. „Na, dann war es ja gar kein ungebetener Gast in meinem Garten.“ Erleichtert sah sie erst Walter und dann die Igelfamilie an. 

Am nächsten Morgen wurde im Garten fleißig gearbeitet. Frau Blumenthal legte flache Steine vom Beet bis zur Wasserschale, damit die Igel nicht mehr durch das frisch gemähte Gras laufen mussten.

Walters Herrchen half ihr dabei. Er wunderte sich zwar, weshalb Walter ständig so stolz neben den Steinen hin und her lief, aber Frau Blumenthal verstand es sehr gut.

„Unser Walter hat wieder einmal genau hingesehen“, sagte sie und kraulte ihn hinter den Ohren.

Walter genoss das Lob. Er fand, dass es ihm zustand.

Am Abend stand eine frische Schale Wasser neben dem Schuppen, und daneben lag sogar ein kleines Tellerchen mit einem Stückchen Apfel. Frau Blumenthal hatte es für die Igel bereitgestellt.

Walter lag wieder auf seiner Holzbank im eigenen Garten. Der Rasen duftete noch immer nach Sommer, und irgendwo raschelte es leise in der Hecke.

Er hob den Kopf und sah, wie die Igelfamilie nun ordentlich über die flachen Steine trippelte.

„Gut, dass Rasen nachwächst und nicht jede Spur verdächtig ist“, dachte Walter zufrieden.

Dann legte er den Kopf auf die Pfoten und schlief ein, während die warme Sommernacht ganz leise um ihn herum summte.

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