Vorlesedauer: ca. 4 minDer Januar zeigte sich von seiner stillen Seite. Ein kalter Wind zog über den Deich, und der Himmel wirkte still und farblos. Schaf Tilda stand ruhig im Gras und blickte hinüber zum alten Apfelbaum.
Dort hing sonst immer ein kleines Vogelhäuschen. Jeden Winter versammelten sich dort Spatzen, Meisen und manchmal sogar ein Rotkehlchen. Tilda liebte es, ihnen zuzusehen, besonders an Tagen, an denen sonst kaum etwas passierte.
Doch heute war der Ast leer. Kein Häuschen, kein Flattern, kein fröhliches Picken. Tilda blinzelte und trat einen Schritt näher.
„Das kann doch nicht sein“, murmelte sie leise. Sie schaute sich um, als könnte das Vogelhäuschen gleich hinter ihr auftauchen. Aber der Apfelbaum blieb still und kahl.
Ein paar Vögel flatterten unruhig über den Deich. Sie landeten kurz im Gras, hüpften weiter und flogen wieder auf. Tilda fühlte sich plötzlich unruhig, denn sie wusste, wie schwer der Winter für sie war.
Sie lief zur Herde und fragte die anderen Schafe, ob jemand etwas gesehen hatte. Doch keiner wusste etwas. Manche hatten den Sturm der letzten Nacht erwähnt, andere hatten tief und fest geschlafen.
Also machte sich Tilda selbst auf den Weg. Sie suchte rund um den Apfelbaum, schnupperte am Boden und blickte über den Zaun. Der Wind zupfte an ihrer Wolle, als wolle er sie zur Eile drängen.

Am unteren Ende des Deichs entdeckte sie etwas. Zwischen zwei Pfählen lagen Holzstücke und ein schiefes Dach. Tilda erkannte sofort, was es war.
Das Vogelhäuschen war vom Sturm heruntergefallen und zerbrochen. Tilda senkte den Kopf. Sie stellte sich vor, wie die Vögel nun ohne Futter auskommen mussten.
Einen Moment lang blieb sie still stehen. Dann hob sie entschlossen den Kopf. „Dann brauchen wir eben ein neues“, dachte sie.
Tilda rief die Herde zusammen und erzählte, was passiert war. Zuerst schauten die anderen Schafe skeptisch. Doch als sie die hungrigen Vögel sahen, nickten sie zustimmend.
Gemeinsam machten sie sich an die Arbeit. Einige sammelten Zweige, andere trugen trockenes Heu herbei. Ein Schaf fand sogar ein paar bunte Bänder, die vom letzten Sommerfest übrig geblieben waren.
Tilda achtete darauf, dass alles fest zusammenhielt. Mit viel Geduld schoben sie Zweige ineinander und polsterten das Innere weich aus. Es sah schief aus, aber es fühlte sich richtig an.
Als das Häuschen fertig war, trugen sie es vorsichtig zum Apfelbaum. Tilda stellte sich auf die Hinterbeine und schob es behutsam auf einen stabilen Ast. Die Herde hielt den Atem an.
Das Häuschen hielt. Tilda atmete erleichtert aus. Sie hatte am Wegrand ein altes Brötchen gefunden und es sorgfältig zu kleinen Krümeln zerkleinert, die sie nun hineinlegte.
Nicht lange danach kam der erste Vogel zurück. Dann ein zweiter und ein dritter. Bald war das Häuschen wieder voller Leben.
Am nächsten Morgen schien die Sonne für einen kurzen Moment durch die Wolken. Die Vögel zwitscherten, und die Herde stand beisammen. Tilda lächelte zufrieden.
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