Vorlesedauer: ca. 11 minKurz vor Weihnachten war es soweit. In der schönsten Zeit des Jahres würde Luca mit seiner Familie umziehen müssen. Das stand schon lange fest.
Luca und seine Schwester Sophie hatten schon alle Koffer und Kisten gepackt und warteten am nächsten Tag auf den Umzugswagen, der all ihre Habseligkeiten an einen weit entfernten Ort bringen würde.
Lucas‘ Mutter hatte einen wichtigen Auftrag an der spanischen Küste angenommen. Sie war Meeresbiologin und sollte dort ein Forschungslabor für seltene Meerestiere leiten.
Luca und seine Schwester freuten sich auf das neue Abenteuer und darauf, dass ihr neues Zuhause bald am Atlantik liegen würde. Letztes Jahr waren sie schon einmal in Spanien gewesen und hatten dort bis spät in die Nacht Sandburgen gebaut und ihre Drachen im Wind steigen lassen.

Aber eines machte sie traurig. Die Weihnachtszeit war die Lieblingszeit der beiden Geschwister. Jedes Jahr wurde Stollen gebacken und mit leckerer Butter und Marmelade bestrichen. Es gab Bratäpfel mit Vanillesoße und Rosinen. Die Oma kam zum Plätzchenbacken und in der Schule wurde gebastelt und gewerkelt.
In den letzten Tagen beobachteten die beiden Geschwister, wie die Nachbarn schon anfingen, die Häuser und die Straße weihnachtlich zu schmücken. In den Küchenfenstern leuchteten bis spät abends gemütliche Lichter.
„Ich werde den Weihnachtsduft so vermissen“, sagte Sophie zu ihrem kleinen Bruder. „Ich kann mir Weihnachten ohne Schnee und Kälte gar nicht vorstellen“, stimmte Luca ein.

Am letzten Tag in der alten Heimat veranstalteten sie ein Abschiedsfest im Garten und luden alle Freunde und Nachbarn ein. Zum letzten Mal gab es Spekulatius, Kinderpunsch und einen Schneemann im Garten.
Nachdem sich alle am Abend verabschiedet hatten, begann am nächsten Tag die Reise in die neue Heimat. Kaum waren die Kinder mit ihren Familien in der neuen Heimat angekommen, vergingen die Tage und Weihnachten stand vor der Tür.
Doch von Weihnachtsstimmung war weit und breit nichts zu spüren. „Es ist viel zu warm für Weihnachten“, fand Sophie.
Da die Familie vor allem damit beschäftigt war, alle Koffer und Kisten auszupacken und für die vielen Kleinigkeiten einen geeigneten Platz im neuen Haus zu finden, kamen sie gar nicht dazu, die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu organisieren.
Eines Abends schrieb Luca einen Brief an seine besten Freunde. „Hier ist es schön. Ich habe ein großes Zimmer unter dem Dach. Von meinem Fenster aus kann ich abends sogar das Meer rauschen hören und die Sterne sehen. Aber ich vermisse euch so sehr und das wird das traurigste Weihnachten, das ich je erlebt habe.“
Lucas Brief erreichte seine Freunde in der alten Heimat eine Woche später. Sie waren überglücklich zu erfahren, wie es ihm geht.
„Wir müssen uns etwas einfallen lassen“, sagte Malte zu seinen Freunden. „Das klingt ja gar nicht nach weißer Weihnacht, und anscheinend gibt es in Spanien nicht mal Plätzchen und Stollen“, antwortete Mia.
Die Freunde berieten sich. Gemeinsam beschlossen sie, ein schönes Päckchen zu packen und mit der Post nach Spanien zu schicken.
Gerade als sie Kekse, Nüsse und etwas Schokolade eingepackt und eine schöne Schleife um das Päckchen gewickelt hatten, kam Mias Mama ins Kinderzimmer. „Wir wollen das Päckchen für Luca und Sophie nach Spanien schicken, damit sie Weihnachten feiern können wie wir hier.
Mias Mama lächelte die drei Freunde mitfühlend an und sagte: „Das ist eine tolle Idee, aber mit der Post dauert das wahrscheinlich viel zu lange. Das Päckchen wird leider nicht mehr zu Weihnachten bei euren Freunden ankommen.“
Sie deutete auf den Wandkalender, der über Mias Schreibtisch hing. Damit hatten die Kinder nicht gerechnet und waren schrecklich enttäuscht. „Was machen wir jetzt?“, fragten sie alle gleichzeitig, wie im Chor.
Da hatte Malte eine Idee: „Ich weiß nicht, ob das klappt, aber mein Opa hat Brieftauben und eine davon ist meine Lieblingstaube. Ich könnte sie bitten, die Post zu Luca und Sophie zu bringen.“
Die anderen Kinder schauten Malte ungläubig an. „Eine Brieftaube soll schneller sein als die Post?“ Malte nickte und fügte nachdenklich hinzu. „Aber das Paket wird zu schwer für sie sein. Wir müssen uns entscheiden, worüber sich Luca und Sophie am meisten freuen würden.“
Gemeinsam überlegten sie noch einmal genau, was wirklich verschickt werden sollte und entschieden sich für eine kleine Tüte mit selbstgebackenen Vanillekipferln, einer Weihnachtskarte, ein paar selbstgebastelten Papierschneeflocken und ein paar Schokokringeln, die man auch als Baumschmuck verwenden kann.
„Das sollte klappen!“, sagte Malte entschlossen, nachdem er den Brief hochgehoben und das Gewicht abgeschätzt hatte. „Ich mache mich gleich auf den Weg zu Opa.“
Noch am selben Nachmittag traf Malte bei seinem Opa ein. Er erzählte ihm von dem Umschlag für seine Freunde und dass die Post den Brief wahrscheinlich nicht rechtzeitig ausliefern würde.
Maltes Großvater nickte verständnisvoll und willigte ein, seine beste Taube Betty auf die Reise zu schicken. „Aber vorher fragen wir Betty, ob sie sich die Reise zutraut! Sie ist eine meiner zuverlässigsten Brieftauben. Wenn es ihr gut geht, wird sie die Herausforderung annehmen, da bin ich mir sicher!“
Malte war aufgeregt. Er kannte Betty schon als kleines Kind und durfte sie oft auf seinem Handrücken oder seiner Schulter sitzen lassen. Natürlich hoffte er, dass Betty seinem Vorhaben zustimmen würde, aber er wollte sie auf keinen Fall in Gefahr bringen.
Voller Hoffnung näherten sie sich dem Taubenschlag und klopften höflich an. „Betty“, hörte Malte seinen Großvater mit sanfter Stimme sagen. „Du wirst wieder für einen ganz besonderen Auftrag gebraucht. Lass dich ansehen.“
Betty ließ sich geduldig von Maltes Großvater betrachten. „Gefieder, Krallen und Augen sehen gesund und kräftig aus.“ Während er Betty genau untersuchte, erzählte Maltes Opa von der Briefsendung, die zu Maltes Freunden nach Spanien gebracht werden sollte.
„Meiner Meinung nach bist du reisetauglich, was meinst du, Betty?“ Die zierliche Taube blickte fröhlich in die Richtung der beiden Menschen und hüpfte dann auf Maltes Schulter. „Ein klares Ja, würde ich sagen.“
Lächelnd tätschelte Maltes Opa Bettys zarte Flügel. „Wir erklären dir jetzt genau, wohin die Reise geht und wem du den Brief aushändigen musst. Gleich bringe ich dir eine stärkende Mahlzeit und dann geht es am besten gleich morgen früh los.“
Betty nickte vertrauensvoll, hörte aufmerksam zu und verspeiste mit großem Appetit alle Leckereien, die ihr gebracht wurden.
„Und jetzt braucht Betty ihre Ruhe und eine ordentliche Portion Schlaf.“ Maltes Großvater verabschiedete sich von seinem Enkel und gab ihm zu verstehen, dass Betty vor ihrer Reise noch einmal Kraft tanken sollte.
„Schlaf noch ein bisschen, liebe Betty. Um Mitternacht hole ich dich ab.“ Die kleine Brieftaube nickte, schloss die Augen und gurrte ein wenig vor sich hin. Dann schlief sie ein.
Als der Mond hoch am Himmel stand, kam Maltes Großvater zum Taubenschlag zurück. Betty war schon wach. Als hätte sie sich einen Wecker gestellt. Sie flog durch den Schlag und landete auf den breiten Schultern ihres Besitzers.
„Ich bringe dich jetzt zum Hafen, meine Liebe. Dort erwartet uns mein Freund, der Fischer. Wenn du in zwei Tagen mit dem Schiff ankommst, musst du nur noch ein ganz kurzes Stück fliegen.“
Die beiden machten sich auf den Weg zum Hafen. Dort übergab Maltes Großvater seinem alten Freund die kleine Brieftaube.
Lächelnd verabschiedeten sich die beiden Freunde. Maltes Großvater setzte sich mit einem Butterbrot auf die Hafenmauer und beobachtete noch, wie der Fischkutter in den frühen Morgenstunden aufs Meer hinausfuhr.
Als Malte am frühen Morgen zum Taubenschlag lief, um sich von Betty zu verabschieden, war ihr Platz schon leer. „Sie ist schon vor Sonnenaufgang weg“, sagte Maltes Großvater und zeigte in den Himmel, Richtung Süden.
„Pass auf dich auf“, flüsterte Malte in dieselbe Richtung und hoffte nun, dass Betty die beschwerliche Reise heil überstehen würde.
Der Weihnachtsmorgen rückte näher. Alle Kinder waren aufgeregt und freuten sich auf die Bescherung am Abend und die freien Tage mit der Familie.
Auch bei Luca und seiner Schwester lag Vorfreude in der Luft. Doch der Duft von Weihnachten fehlte noch.
Am Nachmittag wollten die beiden Geschwister gerade am Küchenfenster ein paar Tischkarten basteln, als sie plötzlich ein lautes Klopfen an der Fensterscheibe hörten. „Na, was kann denn das sein?“
Neugierig steckten die beiden ihre Köpfe aus dem Fenster. Draußen war es mild, fast frühlingshaft. „Guck mal, eine Taube mit einem Brief im Schnabel“, rief Luca aufgeregt.
Die beiden öffneten das Fenster ganz weit und ließen Betty herein. Jetzt kam auch Lucas Mama in die Küche und beobachtete den besonderen Weihnachtsgast. „Na, wenn das mal keine besondere Weihnachtsüberraschung ist“, sagte sie lächelnd.
Sie holte eine Schüssel mit Wasser und einen großen Teller mit Hirsekörnern. „Du musst dich sicher erst einmal von der Reise erholen.“ Während Betty sich über die stärkende Mahlzeit freute, öffneten die beiden Geschwister neugierig den Umschlag. Und plötzlich war er da: der Duft von Weihnachten.
Sofort öffneten die beiden den kleinen Umschlag, probierten die selbstgebackenen Vanillekipferl und hängten die weißen Papiersterne an den Fensterrahmen.
Luca lief ins Wohnzimmer, hängte die bunten Schokokringel an den Weihnachtsbaum und kam freudestrahlend in die Küche zurück. Fröhlich blickte er erst zu der kleinen Taube und dann zu seiner Schwester: „Wir haben die besten Freunde, die man sich nur wünschen kann!“








