Die Rübchenzählerin

Eines Tages hoppelte eine Hasenfamilie über die Felder und Wiesen. Sie waren auf der Suche nach einem schönen Platz für ihr neues Zuhause. Die Familie erwartete in diesem Frühjahr Nachwuchs und der alte Bau der Hasen war mittlerweile viel zu klein.

Am Rand eines Feldes entdeckten sie einen alten Schuppen, der von einem verwilderten Garten umgeben war. „Das könnte der richtige Platz für uns sein“, rief der Hasenvater fröhlich. „Ja, lass uns diese Hütte mal aus der Nähe ansehen“, schlug die Hasenmutter vor. Der Reihe nach hoppelten sie dorthin.

Als sie ankamen, staunten sie nicht schlecht. Hier wurde scheinbar seit langer Zeit nichts mehr verändert und die hohen Hecken und Büsche konnten sich mächtig ausbreiten. Nun zeigten sich bereits die ersten Knospen an den knorrigen Zweigen und auch die alten Obstbäume erwachten langsam aus ihrem langen Winterschlaf.

Man konnte sehen, dass in diesem verwilderten Garten früher ganz ordentliche Gemüsebeete angelegt wurden. Doch mittlerweile waren sie von Unkraut übersäht und von alten Zweigen und Blättern bedeckt.

„Lasst uns hier bleiben!“, rief die Hasenmutter ganz begeistert. Dieser Ort ist das, wonach wir lange gesucht haben. Hier stört uns keiner und unsere Hasenkinder können im Schutz der Hecken und Bäume aufwachsen. Hier werden wir uns alle wohl fühlen und ich kann mich voll und ganz dem Gemüseanbau widmen. Mal sehen, ob die neuen Rübensorten gedeihen werden und wir die vielen Rezepte ausprobieren können. „Du hast Recht!“, sagte der Hasenvater zufrieden. „Dieser Ort ist eine gute Wahl für unser neues Zuhause.“

Alle Familienmitglieder machten einen glücklichen Eindruck und die Hasenkinder erkundeten noch am selben Tag die Umgebung und spielten Verstecken. Der Hasenvater packte im Nu sein Werkzeug aus und zimmerte emsig im Inneren der alten Hütte. Die Hasenmutter fegte und wischte, richtete gemütliche Schlafplätze her und begann dann damit, die kleine Küchenzeile einzurichten. Sorgfältig stapelte sie Einmachgläser, Tassen und Teller in ein kleines Regal, säuberte Töpfe und Pfannen und freute sich auf die baldige Ernte in ihrem neuen Garten.

Täglich war die Hasenmutter im Garten zu finden und machte die Beete frei, säte verschiedene Salatsorten, Radieschen und allerlei Rüben aus. Die Züchtung neuer Rübensorten war eine ganz besondere Spezialität von ihr. Die Häsin war in ihrem Freundeskreis bekannt für die vielen Leckereien aus bunten Rüben und wurde oft um Rat und Hilfe gebeten.

Die Hasenmutter bewahrte die Samen der orangenen, gelben, violetten und der dunkelroten Rüben in kleinen Säckchen auf und hütete sie, wie einen Schatz. Es gab allerdings eine besonders schmackhafte und seltene Sorte, die ihr noch fehlte – die Schwarztrüffelrübe. Die Häsin war schon lange auf der Suche nach diesen Samen, aber bisher nicht fündig geworden.

In diesem Jahr bat die Dorfgemeinde die Hasenmutter darum, eine leckere Rübentorte zum Sommerfest zu backen. Die Häsin war stolz, dass man sie mit dieser Aufgabe betraute und wollte etwas ganz besonderes und feines zubereiten. Außerdem war es eine schöne Gelegenheit, auch die vielen Freunde und die große Familie zu treffen.

Ab jetzt achtete sie täglich darauf, wie ihre Rüben gedeihten. Zur Qualitätsprüfung zog sie täglich eine Rübe aus dem Beet und verschaffte sich einen Eindruck über den Geschmack und die Farbe.

„Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, hörte man sie eines Tages im Garten rufen. Alle Hasenkinder und der Hasenvater kamen herbei geeilt und sahen die verärgerte Hasenmutter, die eine gelbe, angeknabberte Möhre in der Pfote hielt.

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„Wer war das? Wenn ich den erwische….“, rief sie verärgert und schaute der Reihe nach ihre Hasenkinder an. Alle machten einen sehr unschuldigen Eindruck und beteuerten mit allen verfügbaren Pfoten nichts mit den angeknabberten Rüben zu tun zu haben. „Hmm, es konnte keiner von euch gewesen sein, da die Möhre ja von unten angeknabbert wurde“, stellte die Hasenmutter fest. „Doch wer mag es dann gewesen sein?“ „Sei nicht traurig“, sagten alle wie aus einem Munde. „Wir werden den Dieb schon finden.“

Die Hasenmutter fand nun fast täglich eine angeknabberte Mohrrübe in ihrem Beet und obwohl sie ganz genau Ausschau hielten, war der Räuber nicht mehr zur Stelle. Den ganzen Tag tat sich nichts im Beet. Sogar jedes der Hasenkinder hielt abwechselnd Wache. Der Hasenvater beschloss sich eines Nachts auf die Lauer zu legen. Aber als es ganz dunkel wurde, schlief auch er versehentlich ein. In den nächsten Nächten passierte das gleiche und die Hasenmutter schaute traurig auf die immer weniger werdenden Rüben in ihrem Beet.

„So kann es nicht weitergehen“, überlegte sie. „Da bleibt für meine Rübentorte kaum noch etwas übrig!“ Sie verschwand rasch in der Hütte und holte kleine, bimmelnde Glöckchen hervor. Noch bevor es dunkel wurde band sie sorgfältig die Glöckchen um das Wurzelkraut der Rüben. Sie war sich sicher: „Jetzt gab es kein Entkommen mehr für den Rübendieb“. Sobald jemand an der Rübe zieht, würde das ganze Beet läuten, da war sie sich sicher.

In dieser Nacht blieben die Haseneltern mit einer Laterne draußen vor der Hütte und warteten. Fast fielen ihnen die Augen zu, als es plötzlich ganz leise bimmelte. Ein ganz kleiner Kopf mit eng angelegten, spitzen Öhrchen lugte ganz überrascht aus der kleinen Öffnung im Beet. Das kleine Wesen kniff die Äuglein ganz fest zusammen und war vom hellen Licht der Hasenlaterne geblendet.

Der Hasenvater lief blitzschnell zum Beet und stellte das kleine Wesen zur Rede. „Wer bist du?“, fragten die Haseneltern. „Ich bin die Rübchenzählerin“, sagte das kleine Tier. „Aha so nennen sich also mittlerweile die Diebe, die sich aus fremden Beeten bedienen!?“, fragte die Hasenmutter und schaute dann verdutzt zum Hasenvater. „Ich bin keine Diebin sondern eine Wurzelmaus, die Rüben zählt.“ “Und was macht eine Rübchenzählerin in unserem Beet?“ fragte der Hasenvater.

„Ich unterrichte jede Nacht die Kinder der Wurzelmäuse. Momentan lernen die kleinen Mäuse das Zählen. Die Rüben in eurem Feld sind ganz bunt und nicht einheitlich schwarz wie auf dem Nachbarfeld. So bunte Rüben sind selten. Wir dachten sie wären hier ganz wild gewachsen.“

„Das Zählen mit den bunten Rüben hat den Kindern viel mehr Spaß gemacht, zudem ist es einfacher, wenn alle Wurzeln verschieden aussehen. Wenn die Schüler richtig gezählt haben, darf jeder als Belohnung ein Stückchen von der Rübe abbeißen. Ein weiteres Stückchen nehmen sie mit nach Hause, um es dort für den Winter zu trocknen. Damit wir den Winter gut überstehen, braucht jeder von uns eine bestimmte Anzahl von getrockneten Rübchen. Deshalb ist für uns das Zählen so wichtig! Noch üben wir fleißig und haben erst wenig zusammensammeln können.“

„Zum Glück!“ meinte der Hasenvater. „Sonst wäre das Beet längst abgeerntet.“ Alle mussten dabei etwas verlegen schmunzeln. Damit die Hasenbeete aber in Zukunft etwas verschont blieben, bekam die Rübchenzählerin einige Samen von der Hasenmutter geschenkt. So konnten sich die Wurzelmäuse ein eigenes Beet mit bunten Rüben anlegen. Danach verabschiedeten sie sich voneinander und jeder ging wieder seines Weges.

Bei der Hasenfamilie nahte nun endlich das ersehnte Dorffest und die Hasenmutter begann mit der Vorbereitung der leckeren Rübentorte. Plötzlich fiel ihr ein, dass die Rübchenzählerin etwas von schwarzen Rüben auf dem Nachbarfeld erzählte.

„Also, wenn sie damit die Sorte meinte, wonach ich schon so lange suche..?“ Sie lief zum Nachbarfeld und traute ihren Augen kaum. Etliche schwarze Rüben wurden gerade geerntet und tatsächlich waren es die begehrten Schwarztrüffelrüben. „Was für ein Glück es doch war, die Rübchenzählerin getroffen zu haben“, dachte die Hasenmutter. „Ohne diese Begegnung hätte ich diese seltene Rübenart sicher nicht so schnell entdeckt.“

Die Ernte wurde mit einem großen Trecker eingeholt. Links und rechts fielen einzelne Rüben vom beladenen Anhänger herunter. Sie hörte den Bauern noch rufen: „Wir sind fertig auf diesem Feld. Jetzt ist Feierabend!“ Als der Trecker zur Straße fuhr, purzelten wieder einige der kostbaren Rüben herunter. Die Hasenmutter zögerte nicht lang und hoppelte schnell aufs Feld und sammelte rasch einige Rüben auf. Auch ein paar Samen dieser besonderen Sorte konnte sie finden und verwahrte sie vorsichtig in einem kleinen Säckchen. Sie freute sich sichtlich und würde im nächsten Jahr diese Sorte im eigenen Beet pflanzen.

Als das Fest nun endlich vor der Tür stand, stellte die Hasenmutter das verschiedene Gebäck vor und präsentierte voller Stolz ihre köstliche Schwarztrüffelrübentorte den anderen Dorfbewohnern. Diese Torte sorgte für besonders viel Bewunderung unter den Bewohnern und Gästen, sodass die Hasenfamilie von der Begegnung mit der Rübchenzählerin berichtete. Niemand aus dem Dorf hatte zuvor von ihr und den Wurzelmäusen gehört. Doch alle lauschten ganz gespannt und knabberten dabei die leckere Rübentorte.

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