Das Abenteuer von Brieftaube Betty

Das Abenteuer von Brieftaube Betty

Ein großer Brieftauben-Schwarm lebte auf einer kleinen, felsigen Insel mitten im rauen Atlantik. Gemeinsam versorgten sie die Bewohner der umliegenden Inseln mit wichtiger Post. 

Eine der Tauben hieß Betty. Sie trödelte gern und ließ sich schnell ablenken. Wenn sie gemeinsam ihre täglichen Rundflüge über die Insel unternahmen, trudelte Betty oftmals als letzte ein. Einige der anderen Tauben hielten sie für eine Träumerin und trauten ihr nicht all zu viel zu.

Bei gutem Wetter wurde die gesamte Post vom Festland und den umliegenden Inseln auf die dafür vorgesehenen Postschiffe verladen. Die Schiffe brachten dann etliche Briefe und Pakte zu den kleinen Inseln.

Doch das Wetter war in dieser Region meistens sehr unbeständig. Wegen des starken Sturms und den hohen Wellen konnten die Schiffe nicht mehr in den Häfen der kleinen Inseln anlegen. 

Doch die Brieftauben waren immer einsatzbereit. Der Inselwart Hannes, der die Tauben versorgte und immer ordentlich verpflegte, kannte jede einzelne von ihnen sehr genau.

Er konnte ihre Stärken und Schwächen ganz genau einschätzen. Es gab besonders schnelle Tauben für kurze Strecke, andere wiederum flogen gern weite Strecken, dafür aber etwas langsamer. 

Das Wichtigste war jedoch, dass alle zuverlässig ihre Briefe ablieferten und unbeschadet zu ihrer Insel zurückkehrten. Die Freude war immer riesengroß, wenn sie sich nach ihren Flügen wieder begegneten und sie sich gegenseitig von ihren Abenteuern berichten konnten. 

An einem kühlen und leicht windigen Tag machte sich wieder einmal eine hektische Aufbruchsstimmung breit. Betty beobachtete vom Aussichtsturm der Insel, dass sich einige Brieftauben für ihre Reise startklar machten. Hannes verteilte, wie üblich, die jeweiligen Flugrouten. 

Betty beobachtete nun, dass Henry und Mathis zuerst an der Reihe waren. Sie bekamen jeweils einen feinen, braunen Kuvert in einem Beutel umgeschnallt, der sanft von Hannes – dem Inselwart – befestigt wurde.

„Henry, dieser Brief muss schnellstmöglich zum Festland. Die Reise könnte etwas beschwerlich werden, weil starker Wind angesagt ist. Plane bitte Pausen ein, aber komm baldmöglichst wieder“, sagte Hannes und blickte dabei in den düsteren Himmel. 

Etwas nachdenklich tätschelte er dabei Henry am Kopf, als dieser bereits zum Flug ansetzte und langsam abhob. Einige Sekunden später schwebte er bereits mit dem Briefumschlag hoch über der Insel und verschwand im Nu in Richtung Horizont.

Dann war die nächste Taube an der Reihe und so ging es der Reihe nach weiter. Betty vermutete, dass sie diesmal vielleicht keinen Auftrag bekommen würde, da sie beim letzten mal etwas trödelte und sich Hannes große Sorgen gemacht hatte. 

Doch dann hörte Betty auch ihren Namen „Da bist du ja, Betty! Auch auf dich wartet heute ein Auftrag“, schmunzelte Hannes.„Du hast diesmal nur eine kurze Strecke zu fliegen.“ Freudestrahlend guckte Betty zu Hannes auf.

Hinter sich hörte sie einige Tauben herum gurren: „Na mal sehen wie lange Betty diesmal für die Strecke braucht! Gurr, gurr.“ „Stimmt“, bestätigte eine von ihnen, die sich gerade abflugbereit machte. „Die Schnellste ist Betty nun wirklich nicht! Gurr, gurr“, und flog davon.

Betty wusste genau, worauf die Tauben hinauswollten. „Wir veranstalten doch keinen Wettbewerb! Wenn die wüssten, was ich auf meinen Flügen alles erlebe!“, dachte sie sich. 

Zur Stärkung pickte sie noch ein paar Körner auf. Als das kleine Säckchen mit dem Kuvert befestigt war, wünschte ihr Hannes einen guten und sicheren Flug und mahnte wie immer zur Vorsicht.

Betty mochte es, Briefe von einer Insel zur nächsten zu fliegen. Sie liebte es, die Menschen kennenzulernen, denen sie eilige Post überbrachte. Es war meistens sehr viel Dankbarkeit in ihren Augen zu erkennen. Das machte Betty sehr glücklich und stolz. 

Meistens hatten die Empfänger ein paar leckere Maiskörner und ein Schüsselchen Wasser für sie zurecht gestellt. Danach konnte Betty gestärkt wieder zurück in den Taubenschlag fliegen. Sie hatte dann immer das schöne Gefühl, eine gute Tat vollbracht zu haben.

Bei dem heutigen Flug blickte Betty kurz auf den Empfänger des Kuverts und stellte erleichtert fest, dass sie den Weg bereits gut kannte. Sie setzte sich auf das Dach ihres Taubenschlages, breitete die Flügel aus und hob mit einem gekonnten Schwung ab – hinauf in den weiten Himmel.

Wie sehr sie es liebte zu fliegen und dabei die unendliche Freiheit zu spüren! Mit jedem Flügelschlag wurde die Landschaft unter ihr immer kleiner und auch die felsige Insel rückte immer weiter in die Ferne.

Während sie etwas verträumt vor sich herflog, wurde sie von einem lauten Klappern und dem Geräusch von kräftigen Flügelschlägen aufgeschreckt. „Nanu! Wer macht denn diesen Lärm?“, fragte sie sich überrascht.

Bereits kurze Zeit später flogen mehrere Störche an ihr vorbei, die aufgeregt ihre Position änderten. „Hey!“, rief Betty.„Ihr habt es ja scheinbar ziemlich eilig. Wohin geht denn die Reise?“

Von Störchen wusste Betty bisher nicht viel. Nur, dass sie lange Strecken zurücklegten und viel, viel größer waren, als Tauben. Das konnte sie jetzt deutlich sehen.

Die meisten Störche beachteten sie nicht und behielten das schnelle Tempo bei. Doch einer von ihnen schien genauso neugierig zu sein, wie Betty es war. Sie stellte sich freundlich vor: „Ich bin Stella und fliege zum zweiten Mal diese lange Strecke. Und wer bist du?

Die zwei unterhielten sich einige Zeit freudig und Betty erzählte von ihren Briefen, die sie austeilte und ihren Erlebnissen auf den verschiedenen Routen. Stella schaute sie ganz erstaunt an und meinte: „Davon habe ich zuvor noch nie etwas gehört. Bei uns Störchen ist das etwas anders…“ 

Nun lauschte die kleine Brieftaube ganz gespannt den Geschichten, die Stella zu erzählen hatte. Sie berichtete davon, dass es dort, wohin die Störche jedes Jahr fliegen, sehr warm ist. Und, dass dort ganz große Tiere leben, die es hier nicht gibt.

Riesengroße Elefanten, Giraffen mit ganz langen Hälsen und Zebras, die wie Pferde aussehen, aber schwarze und weiße Streifen haben. Sie versammeln sich meistens an den Wasserstellen, um ihren Durst zu stillen.

Auch viele Vogelschwärme treffen sich an den Wasserstellen, um gemeinsam im Warmen zu überwintern. Stella schwärmte: „Besonders hübsch sind die großen Vögel, die auf einem Bein stehen und ein rosa Gefieder haben. Die nennt man Flamingos! Komm doch einfach mit, Betty! Deinen Brief, kannst du doch auf dem Weg dorthin abgeben!“ Betty überlegte. Das hörte sich sehr verlockend an. 

Sie konnte sich dieses Abenteuer einfach nicht entgehen lassen. Betty verabschiedete sich kurz von Stella und brachte den Brief auf die kleine Insel, die mittlerweile genau unter ihnen lag. Schnell pickte sie noch ein paar für sie bereitgestellten Körner aus einer Schüssel auf und schwang sich wieder elegant hinauf zu den Störchen. 

Schnell fand sie Stella wieder, die ihr einen Platz im Windschatten anbot, damit sich Betty etwas ausruhen konnte. Das Tempo der großen Störche war für Betty nämlich ganz schön schnell.

Die kleine Taube und Stella verstanden sich so gut, dass sie das Gefühl hatten, sich schon ganz lange zu kennen. Und während des Fluges erfuhr Betty sehr viel über den schönen Ort, den Stella „Afrika“ nannte. Stella erzählte in einer sehr lebhaften Art und Weise.

Man hatte das Gefühl förmlich dabei zu sein. In Afrika schien sogar die Sonne größer und heißer zu sein, als auf der Insel, auf der Betty lebte. Allein vom Zuhören spürte Betty die Wärme auf ihren Flügeln und stellte sich die Elefanten und Flamingos an der Wasserstelle vor.

Langsam wurde Betty müde. Sie war die langen Flüge nicht gewohnt und brauchte dringend eine Pause. Doch die Störche dachten gar nicht daran eine Pause einzulegen und die kleine Brieftaube merkte, dass sie diese weite Reise nicht durchstehen würde.

Plötzlich fiel ihr auch Hannes ein, der sich bestimmt wieder große Sorgen um sie machte, falls sie solange nicht zurückkehrte. Betty fasste daher einen Entschluss.

„Liebe Stella“, sagte Betty. „Ich danke dir, dass du mir auf der Reise so viel interessantes über Afrika erzählt hast. Ich bin sehr froh, dich kennengelernt zu haben. Durch deine Erzählungen habe ich das Gefühl, selbst dort gewesen zu sein. Doch jetzt freue ich mich wieder auf mein Zuhause.

Obwohl Betty die ganze Zeit dachte, dass die Störche sie gar nicht wahrnahmen, drehten sich nun plötzlich alle um und klapperten ganz laut mit den Schnäbeln. Das sollte sicher „Auf Wiedersehen“ heißen. Sie gurrte zurück und machte sich freudig auf den Rückweg und überlegte bereits, was sie den anderen Tauben erzählen würde. 

Bereits jetzt freute sich die kleine Brieftaube auf ihre weiteren Flüge und auf die Abenteuer, die sie als nächstes erleben würde.

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