Marlins erste Weihnachten

Marlins erste Weihnachten

Sobald die Dämmerung einsetzte, machte sich Waschbär Marlin jeden Tag auf den Weg durch die Straßen der Stadt. Hier in seinem Bezirk kannte er sich aus und wusste genau, in welchem Vorgarten die besten Obstbäume standen und in welchem Hinterhof die meisten Reste vom Grillfest der Menschen zu finden waren.

Die anderen Tiere in der Stadt kannten Marlin. Sie bewunderten seine Furchtlosigkeit und seine Kraft. Und doch fanden sie ihn manchmal ziemlich sonderbar. Er war ein Einzelgänger, liebte die Dunkelheit und sprach nicht viele Worte. 

An diesem Dezembernachmittag war es länger hell als gewöhnlich. In der vergangenen Nacht war viel Schnee gefallen. Die tief stehende Sonne tauchte die schneebedeckten Dächer und Bäume in eine glitzernde Eislandschaft. 

Gerade versuchte sich Marlin den Weg über den glatten Gehweg zu bahnen, als er Piet, dem Fuchs, begegnete. „Hey Marlin“, rief Piet zu ihm herüber. „Sehen wir uns nächste Woche zu Weihnachten?“ 

Marlin brummelte nur: „Ich brauche kein Weihnachten“ und schob sich genervt an Piet vorbei. Er wollte gerade in einen dunklen Hinterhof abbiegen, als ihm Schorsch, der Marder, entgegenkam. „In dem Hinterhof gibt es heute nichts aufzutreiben. Die Garagen sind alle vereist. Man kommt nicht rein!“


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Enttäuscht und hungrig ging Marlin die Straße weiter entlang, in der Hoffnung, in einem der Vorgärten etwas Essbares aufzutreiben. 

„Verflixter Schnee!“, grummelte Marlin verärgert vor sich hin, als er neben sich kleine Schritte trippeln hörte. „Na du bist ja schlecht gelaunt! Alle freuen sich über den Schnee zu Weihnachten. Nur du nicht!“, sagte der Hase verwundert. 

„Ich feiere kein Weihnachten! Deshalb brauche ich auch keinen Schnee. Und außerdem findet man unter dieser Eisschicht kaum etwas zu futtern!“

„Wir haben einige Vorräte gesammelt. Komm doch nächste Woche bei uns vorbei!“ Marlin schüttelte den Kopf und ging weiter. Als er an einem alten Gartenhaus vorbeikam, blieb er ruckartig stehen. 

Ein köstlicher Geruch breitete sich aus. Marlins Magen begann prompt zu knurren. „Jetzt bloß nicht schwach werden!“, dachte er sich. In diesem Moment kam auch schon die Igelmutter mit ihren zwei kleinen Kindern aus dem alten Holzhäuschen geflitzt. „Huch, Marlin! Was machst du denn hier vor unserem Haus. Möchtest du hereinkommen? Wir haben gerade frische Plätzchen gebacken!“ 

Im selben Moment huschte die Igelmutter wieder hinein und kam kurz darauf mit einer duftenden Keksdose zurück. Die Kekse waren noch warm und Marlin konnte einfach nicht widerstehen. „Na gut, einen probiere ich. Aber nur, damit ihr endlich Ruhe gebt!“, brummelte er und griff zu. 

„Das sind die besten Kekse, die ich je gegessen habe“, dachte er und wirkte plötzlich gar nicht mehr so schlecht gelaunt, wie zuvor. 

Gemeinsam gingen sie noch ein paar Schritte weiter, bis die Igelfamilie an einem alten Schuppen anhielt. „Wir besuchen jetzt die Mäuse und bringen ihnen die restlichen Kekse vorbei. Möchtest du vielleicht mitkommen?“ 

Marlin ließ sich von den fröhlichen Igeln überreden und folgte ihnen ebenfalls in den alten Fahrradschuppen. Hinter den Holzwänden war es wohlig warm und windgeschützt. Er beobachte neugierig, wie einige der Mäusekinder gerade damit beschäftigt waren, bunten Weihnachtsschmuck aus Vogelbeeren und Eicheln zu basteln, um sie dann an kleinen Zweigen in einer Vase zu befestigen. 

Zwei weitere Mäusekinder summten fröhliche Lieder und strickten warme Mützen und Handschuhe. „Ihr habt es hier aber richtig gemütlich!“, rutsche es Marlin aus Versehen heraus. Zur Verwunderung der Mäuse und Igel verabschiedete er sich daraufhin ganz eilig und machte sich wieder auf den Heimweg.

Plötzlich fiel ihm auf, dass aus allen kleinen Schlitzen und Löchern warmes Licht und köstliche Gerüche strömten. „Sind denn alle nur noch mit Weihnachten beschäftigt?“, fragte sich Marlin. Diesmal klang es nicht mehr grummelig, sondern etwas traurig. 

Marlins Schlafplatz befand sich in einer dunklen Garage im Hinterhof einer Autowerkstatt. Hier war er ganz allein und hatte seine Ruhe. Nur der Marder Schorsch und ein paar streunende Katzen trauten sich hierher. Als er sich umsah und so gar nichts weihnachtliches entdeckte, nahm er sich ganz fest vor, die nächste Woche einfach zu verschlafen. Und wenn er aufwachen würde, wäre Weihnachten und der ganze Trubel um das Fest schon längst vorbei. 

Marlin schaffte es tatsächlich einige Tage tief und fest zu schlafen. Er bemerkte dabei gar nicht, dass sich die anderen Tiere in der Zwischenzeit Sorgen um ihn machten. Jedes Mal, wenn sie an der alten Autowerkstatt vorbei liefen, war kein Licht zu sehen. Sie trafen ihn auch nicht auf seinen täglichen Streifzügen in der Dämmerung und hörten auch nicht das Klappern und Scheppern der Mülltonnen, die Marlin gerne abends nach etwas Essbarem durchsuchte. 

„Komm wir gehen jetzt mal da rein und sehen nach ihm!“, sagte Schorsch zu Piet. Die zwei waren schließlich die einzigen Tiere, die sich wirklich in die dunklen Garagen trauten. Die anderen Bewohner des Bezirks bewunderten den Mut der beiden und drückten ihnen die Daumen. Sie hofften insgeheim, dass Marlin wohlauf ist und sie alle gemeinsam Weihnachten feiern können. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit sahen sie endlich drei Schatten aus dem nur schwach beleuchteten Hinterhof auf sie zukommen. 

„Marlin!“, rief die Mäusefamilie ganz aufgeregt. Wir haben uns ja alle solche Sorgen gemacht. Sieh nur durch die vielen Fenster, wie gemütlich es sich die anderen gemacht haben. Noch ganz verschlafen murmelte Marlin: „Ist ja gut. Ich bin ja jetzt da!“

Im Nu wuselten alle Tiere fröhlich um ihn herum und weihten ihn in ihre Planungen für das bevorstehende Weihnachtsfest ein. „Wir besorgen einen Tannenbaum“, sagten Piet und Schorsch. Die Igelfamilie erklärte sich für das Festtagsessen zuständig und der Dachs wollte sich um etwas festliche Musik kümmern.„Jetzt fehlt nur noch etwas Beleuchtung“, ergänzten die Mäuse und zeigten auf ein schönes Schaufenster an der Straße. Darin zu sehen waren allerhand schöne Weihnachtsartikel und eine funkelnde Lichterkette. 

„Das sollte wohl das kleinste Problem sein“, schmunzelte Marlin. „Aber wo können wir wohl am besten feiern?“, fragten die Mäuse. „Naja, am meisten Platz hätten wir wohl in meiner Garage!“, brummelte Marlin. Die anderen Tiere schauten sich überrascht an und riefen alle gleichzeitig: „Abgemacht! Wir sehen uns morgen zum Schmücken!“

Marlin machte sich noch am selben Abend auf den Weg zum Schrottplatz, auf dem er früher allerhand solcher Lichterketten gesehen hatte. Er suchte sich die schönste aus, probierte sie in seiner Garage in der Autowerkstatt aus und plötzlich machte sich so etwas wie Vorfreude in ihm breit. Am nächsten Morgen holte er gut gelaunt den Besen hervor und fegte fröhlich durch die Garage. Kurz darauf kamen auch schon die ersten Gäste und brachten Mandarinen und Äpfel, Gewürze, Brot und allerhand Weihnachtsschmuck mit. Auch Piet und Schorsch waren jetzt da und hatten einen buschigen Tannenbaum dabei. 

„Jetzt fehlt nur noch die Lichterkette!“, riefen alle im Chor. Stolz zeigte Marlin die bunten Glühlämpchen und begann etwas unbeholfen damit, sie am Tannenbaum zu befestigen. 

„Ach Marlin, die Lichterkette gehört auf den Tannenbaum und nicht um Dich!“ Die Mäusekinder konnten gar nicht mehr aufhören zu kichern und hüpften um den Waschbären herum.

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5 Kommentare zu „Marlins erste Weihnachten“

  1. Ich habe die Seite neu entdeckt und seit dem lese ich meinen beiden Söhnen 13 und 6 jahre alt jeden Abend vor .
    Sie schlafen so viel besser und schneller ein,und finden die Geschichten super:)
    Danke👍

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