Tildas Ostergeheimnis

Tildas Ostergeheimnis

An einem kühlen Morgen im April graste Tilda genüsslich mit ihren Geschwistern auf der Weide. Sie lebten da, wo andere Urlaub machten. 

Im Sommer konnten sie täglich vom Deich aus auf die Nordsee blicken und die vielen Touristen dabei beobachten, wie sie sich mit Vergnügen im Meer erfrischten, spazieren gingen oder sich mit ihren Kühltaschen und Sonnenschirmen abmühten. 

„Seht nur, die schon wieder!“, würde Tildas großer Bruder Elmar dann wieder rufen. Dann würden alle Schafe gleichzeitig zu der Familie blicken, die hier jeder von ihnen kannte. 

Über Generationen kamen diese Menschen immer genau hierher. Sie suchten sich exakt den gleichen Platz am Strand aus und wählten immer den gleichen Strandkorb. Dann wussten die Schafe, dass wieder einmal Hauptsaison sein musste. 

Tilda war mit ihren Gedanken bereits bei dieser sommerlichen Vorstellung, als sie plötzlich unbequem aus ihrem Tagtraum herausgerissen wurde. „Hey Tilda, du träumst ja schon wieder! Pass lieber auf, dass du nicht in einen der Gräben stolperst und dann stecken bleibst!“, piesackte ihre ältere Schwester Martha. 

Tatsächlich war das eine der größten Gefahren für Schafe, die hier am Nordseedeich lebten. Wenn sie erst einmal in einen solchen Graben stolperten und es darin matschig und eng war, war es fast unmöglich für sie, allein wieder herauszukommen. 

Tilda hatte schon einige Schafe gesehen, die in einem Graben feststeckten und auf die Hilfe von Passanten oder des Schäfers angewiesen waren. „Mir soll das auf keinen Fall passieren!“, nahm sie sich felsenfest vor.

Durch die Warnung ihrer älteren Schwester war Tilda wieder hellwach und stellte mit dem nächsten Bissen ernüchtert fest, dass das Gras einskalt und noch voller Morgentau war. „Tja, auf den Sommer müssen wir wohl noch etwas länger warten!“, dachte sie etwas enttäuscht.

Plötzlich machte sich Unruhe in der Schafherde breit. Von Weitem sahen sie den Schäfer mit seinen Hunden ankommen. „Bestimmt sollen wir auf die andere Seite des Deichs“, hörte sie ein anderes Schaf murmeln. 

„Ja das glaube ich auch!“ rief ein weiteres Schaf. Keiner von Ihnen wollte besonders gern die Seite wechseln, weil sie dann nicht mehr den freien Blick auf das Meer genießen konnten. 

Als der Schäfer mit seinen Hunden bei Ihnen angekommen war, ging die Hektik los. Alle wurden zu einem großen Kreis zusammen getrieben, damit möglichst kein Schaf abhanden kam. 

Währenddessen war Tilda auf etwas aufmerksam geworden, was sie zuvor noch nie auf ihrer Weide gesehen hatte. Ein rotes, glänzendes Ei lag in einem Büschel von hohem Gras. 

„Na gibts denn sowas? Legen die Möwen seit kurzem rote Eier?“ Tilda stupste das Ei mit ihrer Nase vorsichtig an. Es war viel schwerer und wirkte nicht so zerbrechlich, wie ein frisch gelegtes, rohes Ei. 

Als sie ihren Kopf wieder hob, sah sie plötzlich in der Ferne ein leuchtend gelbes Ei. Es war so gelb, wie die Sonne. Sie trippelte vorsichtig in die Richtung und hörte plötzlich, gar nicht weit von ihr entfernt, ein Rascheln und Hoppeln. 

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„Nanu, das klingt nicht nach einem Vogel, der gerade bunte Eier legt“, dachte sich Tilda und schmunzelte dabei. Ihre Neugierde war geweckt und im Nu entfernte sie sich immer weiter von ihrer Herde.

Als sie sich plötzlich erschöpft fühlte, drehte sie sich um und stellte überrascht fest, dass die anderen Schafe nicht mehr da waren. Eilig flitze sie den Deich hinauf und erwartete, sie auf der anderen Seite fleißig grasen zu sehen. Doch auf der anderen Seite waren weit und breit keine Schafe zu sehen.

Stattdessen erkannte sie in der Ferne den Trecker und Anhänger des Schäfers. Tilda verstand schnell, dass die Schafherde diesmal nicht nur die Seite des Deichs wechseln sollte, sondern scheinbar eine vollkommen andere Wiese zum Grasen bereitstand. 

„Wie soll ich meine Herde nur wiederfinden?“, fragte sie sich. Hier auf dem Deich kannte sie jeden Zentimeter. Aber außerhalb dieses Areals hat sie bisher noch nichts gesehen. 

„Was soll’s, die werden mich schon suchen. Und außerdem komme ich ja auch ganz gut allein zu Recht!“, dachte sich Tilda. Sie hatte schließlich Gras und Wasser und würde schon ein paar Stunden alleine klar kommen, da war sie sich sicher. 

Plötzlich war da wieder das Geräusch. Nun war es näher als vorher. Dazu kam ein hektisches und schweres Atmen. 

Als sich Tilda einmal im Kreis drehte, um Ausschau zu halten, huschte plötzlich ein aufgeregter Hase an ihr vorbei. Er war beladen mit einem Korb voller bunter Eier. 

„Hey du!“, rief Tilda. „Was machst du da mit diesen ganzen bunten Eiern? Die liegen ja hier überall auf der Wiese verstreut!“

Der kleine Hase drehte sich erschrocken um. Tilda war wesentlich größer als er. Völlig außer Atem berichtet der kleine Hase davon, dass er seit einiger Zeit in Ausbildung beim Osterhasen war. 

Man hatte ihm den Auftrag gegeben, die Osternester für die Kinder an der Nordsee vorzubereiten. Dabei sollte er die Eier in möglichst hohem Gras verstecken, sodass sie schwerer zu finden sind. 

„Ach du je“, dachte sich Tilda, die weit und breit kein Kind an diesem kühlen Tag auf dem Deich sah. „Bist du dir sicher, dass du die Eier hier auf dieser Wiese am Deich verteilen solltest?“, fragte Tilda vorsichtig nach.

Der kleine Hase wurde nun noch aufgeregter: „Wo denn sonst? Hier ist doch die Nordsee, oder etwa nicht?“ Tilda nickte und überlegte, wie sie dem kleinen Hasen helfen konnte. 

„Ich habe da eine Idee!“, sagte sie. Gemeinsam sammelten sie die bunten Eier wieder ein, verstauten sie im Korb des Hasen und machten sich auf den Weg zur anderen Seite des Deichs. 

Tilda hatte im letzten Sommer beobachtet, wo die ganzen Touristen herkamen und wo die Menschen scheinbar lebten, wenn sie nicht gerade am Strand spazieren gingen oder schwimmen wollten. Sie begleitete den Hasen in ein kleines Wohngebiet, ganz in der Nähe. 

Hier verbargen sich hinter hohen Heckenrosen oder raschelndem Schilfgras einige kleine, gemütliche Häuser und Gärten. „Ich würde mal sagen, dass der Osterhase eher an diese Grünflächen gedacht hat, als er dich losgeschickt hat“, schmunzelte Tilda.

Der Hase war nun sichtlich erleichtert und hoppelte glücklich von einem Gartenzaun zum anderen. Immer gut darauf bedacht von niemandem gesehen zu werden. 

Als Tilda das Hoppeln nicht mehr hören und den Hasen nicht mehr sehen konnte, machte sie sich wieder auf den Weg zurück zu ihrer Wiese. Sie stärkte sich mit einer großen Portion frischem Gras, nahm einen Schluck Wasser aus einem Graben. 

Dabei achtete sie besonders darauf, nicht aus Versehen hineinzurutschen. Da hörte sie plötzlich das Brummen eines Motors und erkannte in der Ferne den Schäfer mit allen Schafen. 

„Da ist sie!“, rief der Schäfer seinem Hund von weitem zu und zeigte dabei auf Tilda. „Das darf uns nicht noch einmal passieren!“, sagte er eindringlich und rannte erleichtert auf Tilda zu. 

Er tätschelte ihren Kopf und sagte: „Mensch, da hast du uns aber einen Schrecken eingejagt! Du kannst doch nicht ganz alleine hier bleiben. Für die nächsten Tage ist eine Sturmflut angesagt und ich bringe euch jetzt auf eine sichere Wiese.“ 

Fröhlich und erleichtert sprang nun auch Tilda hinauf zu den anderen. Natürlich behielt sie die Begegnung mit dem jungen Osterhasen für sich. Das sollte schließlich ihr Ostergeheimnis bleiben!

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