Der kleine Pandabär Li-Puh

Die Geschichte von Panda Li-Puh besteht aus fünf Teilen: Teil 1 (diese Seite) | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5

Der kleine Pandabär Li-Puh war der jüngste in seiner Familie. Er hatte zwei ältere Brüder Mi-Nu und Ka-Tu. Die beiden hielten sich für stark und schön und konnten mit ihrem kleinen Bruder nicht allzu viel anfangen. Sie tollten miteinander herum und maßen im Spiel ihre Kräfte. Selten durfte der kleine Bruder, Li-Puh, dabei mitmachen.

Li-Puh sah etwas anders aus, als seine Geschwister. Er hatte auf der rechten Seite ein längeres Ohr, dass ihm beim Laufen oft ins Gesicht fiel und somit die Sicht auf dem rechten Auge nahm. Bei Pandabären sind die Ohren gewöhnlich klein und stehen aufrecht auf ihren Köpfen. Deshalb machten sich die anderen Pandabären oft lustig über Li-Puh. Sie nannten ihn „Schlappohr“ oder „Der mit dem einen Auge-Sehende“.

Darüber war Li-Puh oft traurig, doch seine Eltern trösteten ihn immer und sagten: „Sei nicht traurig, du bist einfach besonders. Wir lieben dich genauso, wie Deine Brüder!“ Das tröstete Li-Puh aber nicht allzu lange. Denn irgendwie fühlte er sich von allen anderen Pandabären beobachtet.

„Irgendetwas stimmt mit mir nicht“, dachte sich der kleine Pandabär in diesen Momenten und zog sich zurück. Er wollte nicht anders sein, als die anderen Pandabären. Es gab einen besonderen Ort ganz in der Nähe, an dem sich Li-Puh gern allein aufhielt. So war es auch an diesem Morgen. Li-Puh lief an den Strand. Dort lag ein altes Holzboot, das seit langer Zeit nicht mehr benutzt wurde. In diesem Boot konnte er all seine Sorgen vergessen und seinen Fantasien freien Lauf lassen.

An den Tagen zuvor hatte Li-Puh bereits einige Sachen ins Boot gebracht: eine alte Decke und eine große Bambusstange, mit der er seine Sportübungen machte. Der kleine Pandabär freute sich schon jetzt auf die leckeren Bambussprossen, die er sich als Picknick mitgenommen hatte. Nach dem wilden Spielen und Üben, kroch er ins Boot und aß seine mitgebrachten Leckereien auf. Er war so erschöpft und satt, dass er auf der Stelle einschlief. Das war vorher noch nie vorgekommen.

Plötzlich braute sich draußen ein gewaltiger Wirbelsturm zusammen. Doch der kleine Pandabär merkte nichts davon, denn er schlief tief und fest. Durch die riesigen Wellen löste sich das Boot vom Strand und trieb mit Li-Puh ins offene Meer. Das Meer zischte und brodelte und das alte Holzboot trieb darin, wie eine winzige Walnussschale.

Ganz durchnässt wachte Li-Puh am nächsten Morgen auf. Um richtig sehen zu können, warf er den Kopf in den Nacken, damit ihm sein langes Ohr nicht die Sicht nahm. Um ihn herum lagen die Bambusstange und ein paar Bretter, die noch vom Holzboot übrig geblieben sind. Alles sah so fremd aus.

Li-Puh schüttelte sich kräftig, um zu überprüfen, ob er wirklich wach war oder noch träumte. Gleichzeitig schüttelte er auf diese Weise sein nasses Fell aus und prustete dabei laut. Es bestand kein Zweifel: Li-Puh war wach. „O je!“, rief er verzweifelt. „Wo bin ich hier nur gelandet?“ Auf diese Frage konnte ihm keiner eine Antwort geben, denn er stand allein am Sandufer einer Insel.

Es regnete noch immer in Strömen, sodass Li-Puh Unterschlupf unter einem Baum suchte. Nach kurzer Zeit merkte er, dass er riesigen Hunger hatte. Zu Hause gab es um diese Zeit immer ein leckeres Frühstück. Doch daran durfte er nicht einmal denken. Er musste sich jetzt auf die Suche nach etwas Essbarem begeben. Li-Puh hatte in dieser fremden Umgebung ein mulmiges Gefühl. Plötzlich raschelte etwas im Gebüsch.

Aus dem Gebüsch kam ganz langsam ein langer schrumpeliger Hals mit einem kleinen Kopf darauf zum Vorschein. „Ist das eine Schlange?“ erschrak Li-Puh. „Vor Schlangen muss man sich in Acht nehmen. Einige von ihnen konnten giftig sein“, erinnerte er sich an die Ermahnungen der Eltern. Aber nein, das hier musste etwas anderes sein. Denn nach dem langen Hals folgte ein großer Panzer, der sich auf kleinen Füßen ziemlich langsam fortbewegte. Zum Glück sah das Wesen nicht gefährlich aus und der kleine Pandabär fasste seinen ganzen Mut zusammen.

„Wer bist du?“ fragte er. „Ich heiße Cordula und bin die älteste Schildkröte auf dieser Insel. Und wer bist du und woher kommst du? Einem wie dir bin ich bisher noch nicht begegnet“, sagte die Schildkröte. Li-Puh erzählte Cordula seine ganze Geschichte. Er berichtete ihr von seinem Zuhause und seiner Familie und, dass er sich manchmal traurig fühlte, weil er etwas anders aussah, als die anderen Pandabären. Li-Puh sagte ihr, dass er aus Versehen im Boot eingeschlafen war und deshalb nichts von dem schlimmen Sturm merkte, der ihn auf dieser Insel stranden ließ.

„Wie finde ich bloß zurück? Ich vermisse meine Familie schon jetzt“, schluchzte Li-Puh verzweifelt. Die alte Schildkröte hörte Li-Puh sehr aufmerksam zu und sagte dann: „Ich hätte gar nicht bemerkt, dass du ein längeres Ohr hast, wenn du es mir nicht erzählt hättest. Ich habe auf meinem Panzer auch eine ganz andere Musterung, als meine Artgenossen. Gerade das macht uns doch alle einzigartig! Gemeinsam werden wir schon eine Lösung finden, wie du nach Hause zurückfinden kannst.“

Li-Puh beruhigte sich etwas und nickte eifrig. Doch plötzlich wurde es ganz laut, denn eine Affenfamilie umrundete den Neuankömmling. Sie hüpften und sprangen von einem Baum zum anderen und kreischten wild durcheinander. Der kleine Pandabär wusste gar nicht, auf welche der Fragen er zuerst antworten sollte. Weil es so laut war, kamen immer mehr Tiere zu Li-Puh und jeder wollte den neuen Besucher kennenlernen.

Aus dem Inselwald kamen hervor: ein gestreifter Tiger, zwei mächtige Elefanten, ein Fuchs, ein Känguru und ein Papagei mit einem wunderschönen bunten Gefieder. Sogar die pelzigen Wasserschweine schauten neugierig aus dem Meer. Wegen des hektischen Treibens tauchten sie aber bald wieder ab und versprachen noch einmal wiederzukommen. Alle Tiere wohnten schon sehr lange auf der Insel und waren jetzt neugierig auf Li-Puh.

Dem kleinen Pandabären war das alles zu viel geworden. Er war so erschöpft von der aufregenden Reise und den ganzen neuen Eindrücken, dass ihm die Augen zuklappten und er einfach umfiel. Als er die Augen wieder öffnete, lag er in einem weich gepolsterten Nest aus ganz weichem Gras. Vor ihm lagen reife Bananen, frische Blätterzweige, Beeren und allerlei leckere Sachen.

Er war so hungrig, dass er von allem etwas probierte. „Alle sind so freundlich zu mir“, dachte er. „Hier kann man sich richtig wohlfühlen.“ Leider dauerte es mit dem Wohlfühlen nicht allzu lange. Li-Puh bekam von den Leckereien ganz starke Bauchschmerzen. Alle Tiere hatten es sehr lieb gemeint, aber sie kannten die Nahrung nicht, die Pandabären am besten vertrugen.

Als Li-Puh ihnen berichtete, dass Bambus zu den Hauptspeisen der Pandas gehörte, seufzte Cordula tief auf. Sie sagte: „Auf dieser Insel wächst leider kein Bambusgras, das weiß ich ganz sicher. Aber ich werde dir ein paar Kräuter bringen, die dir guttun werden. Davon gehen auch die Bauchschmerzen weg.“ Vorsichtshalber flog der Papagei über die ganze Insel, aber auch er musste der Schildkröte Recht geben. „Kein Bambus in Sicht!“, bestätigte er.

Cordula war eine alte, weise Schildkröte. Sie wusste, dass man ohne die nötige Hauptnahrung nicht lange auf der Insel bleiben konnte. Also ging sie zu den Elefanten und bat sie ein paar Baumstämme aus dem Wald zu holen. Es musste ein Floß gebaut werden, damit Li-Puh wieder nach Hause gebracht werden konnte. Die anderen Tiere bekamen Anweisungen, wie sie beim Bauen helfen konnten. Die Wasserschweine mit ihren spitzen und kräftigen Zähnen erwiesen sich als Meister beim Bearbeiten der Baumstämme.

Die Affen fanden es ganz toll, dass auf der Insel endlich mal was los war. Statt sich ständig miteinander zu zanken und zu lausen, konnten sie nun das spannende Treiben beobachten. Jetzt waren alle damit beschäftigt, so schnell wie möglich das Floß zusammenzubauen. Sogar der Flamingo half fleißig mit, obwohl er sich ansonsten nicht so gern das Gefieder schmutzig machte.

Alle Tiere halfen mit, sodass das Floß bereits am Abend fertig war. Der Tiger überprüfte das gemeinsame Werk, stellte sich probeweise auf das Floß und meinte ganz stolz: „Damit kann man jetzt die ganze Welt umrunden. Gut gemacht Freunde!“ Alle jubelten! Da kam Cordula, die alte Schildkröte, und machte eine ganz ernste Miene. „Das stimmt“, sagte sie. „Ihr habt wirklich eine tolle Arbeit geleistet. Die schwierigste Aufgabe liegt aber noch vor uns. Wir müssen jetzt herausfinden, wo Li-Puhs Zuhause ist und dann brauchen wir noch Helfer, die sehr gut schwimmen können und das Floß in die richtige Richtung vorantreiben.“

Ein Schweigen breitete sich aus. Jeder dachte angestrengt nach. „Ich habe eine Idee“, meldete sich der Papagei. „Wenn ich täglich um die Insel kreise, begegne ich immer einem Delphin. Den können wir doch fragen, ob er uns helfen kann?“

„Warum bin ich auf diese Idee nur nicht selbst gekommen?“ meinte die alte Schildkröte. „Na ja, wahrscheinlich werde ich einfach langsam alt“, murmelte sie vor sich hin. „Der Delphin ist ein alter Freund von mir, wir kennen uns schon sehr, sehr lange. Er wird uns sicher gerne helfen.“

Also flog der Papagei los, um den freundlichen Helfer ausfindig zu machen. Schon nach kurzer Zeit kam er mit dem Delphin ans Ufer zurück und Cordula erzählte ihm Li-Puhs Geschichte. „Na klar helfe ich euch. Einer von euch muss mir nur den Weg weisen“, sagte er.

–> Hier geht’s zur Fortsetzung: Panda Li-Puh kehrt zurück

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7 Kommentare zu „Der kleine Pandabär Li-Puh“

      1. Hallo, mir hat die Geschichte (und die Fortsetzung) sehr gut gefallen. Ich würde mich riesig über weitere Geschichten vom kleinen Panda freuen 🙂🐼
        Liebe Grüße
        Mila

  1. Die Geschichte hat uns super gut gefallen. Uns würde es freuen, wenn es noch weitere Geschichten von Li-Puh gibt. Schade, dass Cordula und der Delphin nicht ab und zu zusammen zu Besuch kommen könnten. Er könnte in einer neuen Geschichte seinen Geburtstag feiern mit allen Freunden, die er auf der Insel kennen gelernt hat.
    Lena und Franziska

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