
In einem klaren Fluss, nicht weit von einem kleinen Dorf, lebten viele Fische. Das Wasser glitzerte in der Sonne, Libellen schwirrten darüber, und am Ufer wuchsen hohe Gräser.
Unter all den Fischen schwamm ein winziger, silberner Fisch. Er war kleiner als ein Blatt vom Wassergras, aber sehr neugierig. Oft dachte er: „Wenn ich erst groß bin, schwimme ich bis zum weiten Meer. Dort gibt es bestimmt viel zu sehen!“
Eines frühen Morgens kam ein Fischer an den Fluss. Er trug eine einfache Jacke, eine Mütze und ein altes, aber gut gepflegtes Netz. „Hoffentlich fange ich heute genug für meine Familie“, murmelte er. „Die Kinder zählen schon auf ein warmes Abendessen.“
Der Fischer stieg in sein kleines Boot und ruderte ein paar Meter hinaus. Dann warf er sein Netz weit in den Fluss. Das Netz sank ins Wasser und breitete sich wie ein großer, runder Teppich aus.
Der kleine Fisch war gerade dabei, einer Blase hinterherzuschwimmen. Plötzlich wurde es über ihm dunkel.
Das Netz legte sich wie ein Vorhang um ihn und viele andere Fische. „Was ist das?“, rief der kleine Fisch erschrocken. Doch da war es schon zu spät: Das Netz zog sich zusammen.
Der Fischer holte das Netz langsam ein. Es war schwer, und er spürte, dass sich darin viele Fische bewegten. „Zum Glück“, sagte er leise. „Heute wird wohl niemand hungrig ins Bett gehen.“
Auf dem Boden des Bootes schüttete er den Fang aus. Silbrige, glitzernde Fische zappelten hin und her. Mit ruhigen Händen sortierte der Fischer sie in einen Eimer.
Plötzlich hörte er eine dünne, aber klare Stimme. „Halt! Warte! Bitte hör mir zu!“ Verwundert sah der Fischer nach unten. Vor ihm zappelte der winzige, silberne Fisch.
„Hast du das gesagt?“, fragte der Fischer erstaunt. Der kleine Fisch nickte heftig. „Ja, ich war das. Bitte, guter Fischer, du musst mich wieder in den Fluss lassen!“
Der Fischer runzelte die Stirn. „Und warum sollte ich das tun?“, wollte er wissen. „Ich hatte einen langen Morgen auf dem Wasser, und du bist ein Teil meines Fangs.“
Der kleine Fisch holte tief Luft, so tief ein Fisch nur Luft holen kann. Dann begann er zu sprechen: „Sieh mich doch an! Ich bin so klein, dass du von mir nicht satt wirst. Ich bin kaum größer als dein Daumen. Wenn du mich jetzt isst, ist das nur ein winziger Happen.“
Er machte eine kleine Pause und fuhr dann weiter: „Wenn du mich aber zurück ins Wasser wirfst, kann ich wachsen. Ich werde größer und stärker und vielleicht der größte Fisch im Fluss. Dann kannst du mich später noch einmal fangen. Du bekommst ein richtig großes Essen, viel besser als dieses kleine Bisschen heute.“
Der Fischer strich sich nachdenklich über das Kinn. Er schaute auf den kleinen Fisch, der ihn mit großen, runden Augen ansah. Dann blickte er zum Ufer, wo sein Haus lag. Er dachte an die Kinder, die schon den Tisch deckten.
„Du hast recht“, sagte der Fischer leise. „Du bist wirklich sehr klein. Aber weißt du, kleiner Fisch: Ich weiß nicht, ob ich dich später noch einmal fangen werde. Vielleicht schwimmst du weit weg. Vielleicht fällst du einem größeren Fisch zum Opfer. Vielleicht komme ich morgen gar nicht mehr zum Fluss.“
Der kleine Fisch rief schnell: „Aber ich verspreche dir, ich bleibe hier! Ich schwimme ganz brav in deiner Nähe.“ Der Fischer lächelte traurig. „Versprechen sind wie Seifenblasen“, sagte er. „Sie sind schön, aber manchmal platzen sie schnell.“
Er nahm den kleinen Fisch vorsichtig in die Hand. „Heute habe ich viele Stunden gearbeitet“, erklärte er. „Ich habe gehofft, wenigstens mit einem kleinen Fang nach Hause zu kommen. Ein kleiner, sicherer Fisch ist besser als ein großer, der vielleicht nie auf meinem Teller landet.“
Der kleine Fisch wurde still. Sein Herz klopfte schnell, soweit ein Fischherz eben klopfen kann. „Also wirst du mich nicht zurückwerfen?“, flüsterte er.
Der Fischer seufzte tief. „Es tut mir leid“, sagte er ehrlich. „Ich muss heute an meine Familie denken. Das ist meine Aufgabe.“
Er legte den kleinen Fisch zu den anderen in den Eimer. Der Fluss glitzerte weiter im Sonnenlicht, als wäre nichts geschehen. Doch der Fischer dachte den ganzen Weg zum Ufer über das Gespräch nach.
„Komisch“, murmelte er. „Ein so kleiner Fisch, und doch hat er mir eine große Frage gestellt: Nehme ich, was ich sicher habe, oder warte ich ewig auf etwas Größeres?“
An diesem Abend aßen der Fischer und seine Familie gemeinsam am Tisch. Sie waren satt, auch wenn der Teller nicht übervoll war. Der Fischer erzählte von dem kleinen Fisch, der sprechen konnte.
Die Kinder hörten aufmerksam zu. „Papa“, fragte eines der Kinder, „war es richtig, den Fisch zu behalten?“
Der Fischer lächelte nachdenklich. „Manchmal“, sagte er, „muss man lernen, mit dem zufrieden zu sein, was man sicher hat. Und gleichzeitig darf man seine Träume nicht vergessen. Beides gehört zum Leben.“
Hinweis: Diese Geschichte basiert auf Äsops Fabel, die um 600 vor Christus geschrieben wurde. Sie wurde durch uns modernisiert und illustriert.
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